Über Die Liste der regionalen Kleinverbrecher und Unruhestifter ließ ich nur einen sparsamen Blick schweifen. Alles in allem handelte es sich hierbei um leicht verdientes Geld. Problematisch war nur, dass das übliche Kopfgeld gerade mal die Kosten für eine sehr einfache Mahlzeit abdeckte – zumindest, wenn man eine Vorliebe für verschimmeltes Brot und abgestandenes Bier hatte.
Die aktuelle Quartalsausgabe von Überregionale Schurken mit Ambitionen kam da meinen Bedürfnissen schon um einiges näher. In Ruhe besah ich mir Bild für Bild, Name für Name und die jeweils beistehende Belohnung. Begegnet war mir von dieser Liste bisher noch keiner. Aber man konnte ja nie ahnen, wer einem bei Gelegenheit über den Weg lief.
Spaßeshalber führte ich mir auch Die beliebtesten und meistgesuchten Missetäter zu Gemüte – man konnte ja schließlich mal Glück haben. Alle Übeltäter, die im globalen Maßstab etwas auf sich hielten, wurden hier – sofern vorhanden – mit Lichtbild und Kopfgeld aufgeführt. In der Regel begegnete man solchen Leuten jedoch nur selten. Zum einen legten normale Menschen sehr wenig Wert darauf, diese oft recht eigensinnigen Persönlichkeiten in ihrer Nähe zu haben. Zum anderen zeigten die gesuchten Damen und Herren dieser Liste kaum Interesse daran, sich mit überflüssigen sozialen Kontakten zu belasten. Darüber hinaus neigten sie häufig dazu, diesen Standpunkt unter Einsatz von Waffen, unappetitlichen Beleidigungen und anderen peinlichen Verfahren zu vertreten.
Ich ließ meinen Blick über die einzelnen Schurken und Spitzbuben gleiten. Gerade mal ein Drittel der Namen war mit einem Bild versehen, sodass man sich bei den anderen zwei Dritteln mit der Beschreibung von Auffälligkeiten und besonderen Merkmalen begnügte. So zeichnete sich zum Beispiel Peter Das Hackfleisch Hackert durch die glorreiche Anzahl von vierundvierzig Narben im Gesicht aus. Ich fragte mich nur, weshalb man es vorgezogen hatte, diese Verunstaltungen mal so auf die Schnelle zu zählen, obwohl diese Zeit mit Sicherheit für die detaillierte Einprägung eines Phantombildes gereicht hätte. Ich wollte jedenfalls nicht in der Haut des armen Tropfes stecken, der dank diverser Umstände mit lediglich dreiundvierzig Narben gezeichnet war und zu allem Überfluss auch noch einer Verwechslung zum Opfer fiel. Enttäuschte Kopfgeldjäger konnten sehr pragmatisch reagieren, wenn man ihnen eine beachtliche Belohnung aufgrund einer einzigen Narbe vorenthielt – zumal sich das Problem in diesem besonderen Fall auch noch sehr einfach und innerhalb weniger Augenblicke beheben ließ ...
Da verließ ich mich doch lieber auf eindeutige Nachweise. Zum Beispiel hatte sich die junge Meistermörderin Abea Trenner offensichtlich von einem professionellen Bildmacher ablichten lassen. Auf den Großteil ihrer Kleidung schien die junge Dame aus purem Protest gegen die Obrigkeit einfach verzichtet zu haben.
Wieder andere waren weder mit Foto noch mit einer halbwegs genauen Beschreibung aufgeführt. Binnig Doa, einer der verruchtesten Spitzel und Informationsjäger der modernen Zeit wurde in dieser Liste allein durch seinen Namen und ein Kopfgeld von neuntausend Mark vertreten.
Bei einem Schwarzjäger tauchte wiederum nicht einmal der Name auf. Nur die viel zu klangvolle Bezeichnung Seelenbrecher und die Abbildung einer verschnörkelten Tätowierung standen Synonym für eine Frau oder einen Mann, auf deren oder dessen Haupt eine Belohnung in Höhe von einhundertfünfzigtausend Mark ausgesetzt war. Ein zweifelsohne todbringender Hauptgewinn.
Ich dachte einen Moment darüber nach, ob sich diese sehr dekorative Tätowierung wohl einer großen Beliebtheit erfreute.
Die Art dieser Gestaltung kam mir jedenfalls bekannt vor. Mir war, als hätte ich in Kentwest schon ähnliche Formen gesehen ...
Eine wallende Stoffmasse wickelte sich um meine Brust und riss mich unweigerlich zu Boden. Dort angekommen, wehten dunkelgrüne Textilfahnen und Unmengen loser Papiere über mich hinweg. – Meine Papiere!
Noch keine Kommentare vorhanden
Was denkst du?