Nach einigem Umherirren, ein paar pikierten Mienen und einer mehr oder weniger hilfreichen Wegbeschreibung fand ich mich in der Nähe des westlichen Stadtrandes vor der hiesigen Ordnungsbasis, der Zentralen Ratregierung, wieder. Seit ich das friedliche Dormizien verlassen hatte und in den sogenannten zentralregierten Ländern mit dem Kopfgeld anderer Leute meinen Lebensunterhalt verdiente, schaute ich regelmäßig in diesen besonderen Einrichtungen vorbei. Offiziell dienten sie wohl dem Schutz der arglosen Bevölkerung. Doch inoffiziell – so war zumindest meine persönliche Vermutung – bestand ihre Aufgabe vielmehr darin, die Leute, die in dieser Einrichtung arbeiteten, vor der Bevölkerung zu schützen. Und wer auch immer die Gebäudepläne für die Ordnungsbasis der Stadt Duneburg entworfen hatte, wollte diesbezüglich offenbar auf Nummer sicher gehen. Der Schwerpunkt bestand hier insbesondere darin, das Betreten dieses Bauwerks so kompliziert wie möglich zu gestalten. Zumindest erweckten die einklappbare Zugbrücke mit schnell beheizbarem Fallgitter, der gepflegte Wassergraben, die mit stacheligen Metalldrähten und Schnellschussvorrichtungen bestückten Schießscharten und die zahlreichen Schilder mit Verhaltensanweisungen sowie entsprechenden Drohungen im Falle einer Nichtbeachtung so einen gewissen Eindruck. Aber das war noch nichts, wenn man erst einmal einen Blick auf das allem vorangestellte Sicherheitspersonal geworfen hatte ...
„Was willst du?“, schnaubte mich eine Promenadenmischung aus Affenmensch und Bergtroll an.
Wo bekamen die diese Leute nur immer her? – Es war schon beeindruckend, was man alles in ein flächiges Stück Metall stecken und ausgesprochen wirksam als Wachtposten verkaufen konnte.
„Ich brauche einen aktuellen Listensatz“, sagte ich knapp und sachlich, um das Personal nicht zu überfordern.
Die breiten Brauen im Gesicht des massigen Mannes rückten zusammen. Nach ein paar Sekunden Bedenkzeit rutschten sie eilig auseinander und wiesen auf einen überraschten Aha-Effekt hin. Allerdings war ein erstes Aha noch lange nicht gleichzusetzen mit einem Ich habe verstanden und lasse dich passieren.
„Neeneeneeneeneee ...“, grinste der Mann und schüttelte seinen Kopf sowie eine seiner Hände.
„Wie Ne?“, wiederholte ich.
„Darauf fall' ich ganz bestimmt nicht rein. Neeneeneeneenee“, kicherte der Halbtroll Bescheid wissend und klopfte sich moralisch selbst auf die stattliche Schulter.
Na toll, ich hatte schon wieder einen mit Fantasie erwischt ...
„Hereinfallen? Worauf?“, fragte ich ernst.
Wie ein mit zu viel Wachstumssaft gestärktes Schulmädchen lachte sich der mindestens zweieinhalb Meter große Mann ins Fäustchen. Augenrollend wechselte ich ein paar Blicke mit unbeteiligten Passanten – geduldig abwartend, dass dieser Kicherkrampf sich zeitnah legte. Inzwischen kullerte der diensthabende Wachbeamte giggelnd über den spärlich gepflasterten Boden.
Genau solche Probleme entstanden, wenn man mehr Wert auf die äußerliche Erscheinung, als auf eine gewisse Mindestmenge an Verstand oder das Fehlen ausgesuchter Eigenschaften legte. Es gab eben Berufe in denen Humor und Vorstellungskraft rein gar nichts zu suchen hatten. – Aber wer war ich, dass ich mir anmaßte, anderer Leute Arbeit zu erledigen? Nach dem dritten Vorfall dieser Art hatte ich es aufgegeben, die unscheinbaren Beschwerdeformulare am Ausgang der Ordnungsbasen mit meinen wohlgemeinten Hinweisen und Anregungen zu versehen.
„Neene, Neene ...“, japste der Mann von einem Berg zu mir herauf.
„Mann, ihr habt ja wirklich Spaß bei der Arbeit“, bemerkte ich – die Zähne fest zusammengebissen.
„Neeneeneeneenee, du holst hier niemanden raus“, schnappte er eilig nach Luft.
Die ersten unbeteiligten Passanten begannen schon, stehen zu bleiben und interessiert zu gucken. Offenbar gab es hier nicht viele, die das Theater so lange durchhielten. Aber was trieb mich denn? Ich hatte Zeit und brauchte diese Liste.
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