Zielstrebig schob ich mich an der Menge vorbei und nahm so liebenswert, wie es mir unter diesen Umständen möglich war, Kontakt zu ihm auf.
„Heh! Entschuldige mal ...“
Schreckhaft zuckte der junge Mann zusammen und blinzelte nervös in Richtung Zierfels.
„Kannst du mir sagen, was hier los ist?“, erkundigte ich mich höflich, als ich ihn erreichte.
Sein Blick begann regelrecht, sich an einer der steingrauen Säulen festzusaugen.
„Ist das hier eine von diesen Werbe- und Verkaufsgeschichten?“, fuhr ich fort.
Durch das immer heftiger werdende Zwinkern traten dem armen Kerl allmählich die Augen aus den Höhlen. Ich konnte geradezu spüren, wie seine Unsicherheit an der überalterten Architektur nagte.
Los! Rück schon raus mit der Sprache!, dachte ich bei mir und setzte mit freundlicher Beharrlichkeit noch einmal nach. „Oder feiert ihr hier irgendwas Bestimmtes ...?“
Tränen der Verzweiflung sammelten sich in seinen Augenwinkeln. Etwas Staub löste sich verlegen von den Kanneluren einer Säule, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr so viel Aufmerksamkeit gewohnt war.
Der gute Mann wollte nur zu deutlich kein bisschen mit mir reden. Und wie jeder verantwortungsbewusste Reisende akzeptierte ich das natürlich – und zeigte eine kleine aber wirksame Portion Eigeninitiative. Kurzerhand stieg ich über die Samtschnur und begab mich zielgerichtet zu dem Objekt der allgemeinen Aufmerksamkeit.
„Nein, nicht! Komm zurück!“, hörte ich hinter mir ein gekreischtes Flüstern.
„Hmh?“, wandte ich mich um.
„Da darfst du nicht hin!“, zischte das Dickerchen verstört.
„Warum nicht?“
„Ja, wegen der Absperrung!“ Er zeigte auf die sanft vor- und zurückbaumelnde Samtschnur.
„Ach, das soll eine richtige Absperrung sein“, stellte ich fest. „Eine, die die Leute draußen hält und so. Ich dachte ...“
„Es ist niemandem gestattet ...“, begann der wenig selbstbewusste Mann seinen Satz viel lauter als beabsichtigt und erschrak vor seiner eigenen Stimme. Hektisch sah er nach links und rechts und schnappte nach Luft.
„Es ist niemandem gestattet“, wiederholte er halblaut, „den Bereich jenseits der Samtschnur auch nur zu betreten.“
Ich hatte es wieder geschafft. Jetzt zog ich endlich auch die Blicke der anderen Umstehenden auf mich. – Doch ich bin ein genügsamer Mensch.
Ich trat näher an den untersetzten Mann heran, „Und wieso?“
Er atmete tief durch. „Es wurde uns aufgetragen“, gab er zögernd zu.
Skeptisch hob ich die Brauen. „Wer gibt denn solche Anweisungen?“, rutschte es mir heraus.
Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.
„D ... das sind keine Anweisungen“, stotterte er und schaute ängstlich um sich. „E ... es ist eines der Ge ... Gebote. Aus d ... aus dem Buch.“
„Aha“, sagte ich mit verringertem Interesse, „also eine von diesen religiösen Werbegeschichten. – Ich danke dir.“
Ich stieg über die Samtschnur in die Masse zurück, zwängte mich an dem zitternden und nun auch noch verwirrt dreinblickenden Mann vorbei und bahnte mir den Weg weiter durch die Menge.
„Gebote ... aus dem Buch ...“, murmelte ich die Worte des dicklichen Mannes vor mich hin. „Wofür sich die Menschen heutzutage nicht alles anstellen und Geld ausgeben ...“ In Dormizien gab es so etwas beileibe nicht.
Ein paar neugierige sowie empörte Blicke folgten mir noch, bis ich das überfüllte Terrain verlassen hatte und um die nächstbeste Ecke gebogen war. Und kaum war ich in der normalen Straßenführung angelangt, warf diese beziehungsweise deren Ausstattung in mir schon wieder neue Fragen auf. Waren die Gassen auf meinem Hinweg nicht mit noch mehr Menschen, Vieh und ihrem Tand angefüllt gewesen? Oder kam es mir nur so vor, weil ich den mit Menschen überschwemmten Marktplatz gerade erst verlassen hatte? – Andererseits ...
Ich ließ die Menschen Menschen sein. Manchmal rotteten sie sich eben zu unüberschaubaren Massen zusammen – und manchmal waren sie schon froh, wenn sie einmal allein und ganz für sich sein konnten. So, wie Menschen eben.
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